Nachtaufnahmen mit dem Smartphone gehören zu den anspruchsvollsten fotografischen Herausforderungen. Doch mit den richtigen Einstellungen und Techniken verwandelst du dein Handy in ein leistungsstarkes Werkzeug für stimmungsvolle Nachtfotos. In diesem umfassenden Guide zeige ich dir 12 bewährte Tipps, mit denen du selbst bei schwierigen Lichtverhältnissen beeindruckende Ergebnisse ohne Profi-Equipment erzielst.

Nachtmodus deaktivieren

Der Nachtmodus moderner Smartphones ist verlockend, aber nicht immer die beste Wahl. Er ist standarmässig aktivert und schaltet sich ein, sobald die Umgebung dunkel ist. Ich empfehle grundsätzlich, den Nachtmodus zu deaktivieren und nur bei stabiler Unterlage einzusetzen.

Warum? Der Nachtmodus erhöht den ISO-Wert deutlich, was zu mehr Bildrauschen führt. Gleichzeitig verlängert sich die Belichtungszeit erheblich. Ohne Stativ entstehen so verwackelte, unscharfe Bilder.

Mein Tipp: Mache ein Testfoto mit und eines ohne Nachtmodus und vergleiche die Ergebnisse direkt. In den meisten Fällen liefert die normale Aufnahme ohne Nachtmodus das bessere Resultat.

Blitz immer ausschalten

Der eingebaute Blitz ist bei Smartphones kaum kontrollierbar. Ausserdem zerstört er die stimmungsvolle Atmosphäre von Nachtaufnahmen und stört die anderen Leute bei Konzerten, im Theater, etc. Deaktiviere ihn grundsätzlich und nutze stattdessen vorhandenes Umgebungslicht kreativ.

Tippe auf das zu fotografierende Objekt

Die automatische Fokussierung hat bei Dunkelheit oft Schwierigkeiten. Tippe deshalb gezielt auf das Objekt, das du fotografieren möchtest. Ein gelbes Rechteck zeigt dir, wo der Fokus liegt und die Kamera kann sowohl Schärfe als auch Belichtung optimal auf diesen Punkt abstimmen.

Helligkeit gezielt reduzieren

Neben dem gelben Fokus-Rechteck erscheint beim manuellen Antippen auch ein Sonnen-Symbol auf dem Bildschirm. Ziehe beim iPhone diese Sonne ein bisschen nach unten (bei Android-Handys nach links), um die Helligkeit zu senken.

Wichtig: Smartphones neigen dazu, Nachtaufnahmen zu hell darzustellen. Durch leichtes Abdunkeln setzst du Lichtquellen dramatischer in Szene: Weihnachtsbeleuchtung, Straßenlaternen oder die Lichtinstallationen am LiLu (Lichtfestival-Luzern) leuchten so intensiver und atmosphärischer.

Belichtungskorrektur in den Einstellungen nutzen

Im erweiterten Menü der Kamera-App (meist über vier oder sechs Punkte erreichbar) findest du die Option „Belichtung“. Hier kannst du die automatische Belichtung dauerhaft korrigieren.

Extra-Tipp: Aktiviere in den Kameraeinstellungen „Einstellungen beibehalten“, damit diese Belichtungskorrektur und auch andere Einstellungen gespeichert bleiben und nicht jedes Mal neu eingestellt werden müssen.

Stabilisierung ist alles – kreative Lösungen für scharfe Bilder

Ein Stativ ist ideal, aber nicht immer verfügbar. Nutze stattdessen:

  • Parkbänke oder Geländer als Auflage
  • Baumstämme oder Mauern zum Abstützen
  • Die starke Schulter deiner Begleitung

Halte ausserdem dein Smartphone mit beiden Händen, sowohl beim Fotografieren wie auch beim Video aufnehmen. Jede zusätzliche Stabilisierung reduziert Verwacklungen und verbessert die Bildschärfe deutlich.

Hauptkamera statt Ultraweitwinkel oder Zoom

Die Standardkamera (1x = ohne Zoom) hat die beste Kamera. Wenn du auf Ultraweitwinkel (0.5x-Zoom) oder Zoom (2x, 5x, 8x) umstellst, kommt eine andere Kamera zum Zug mit kleinerem und schwächerem Sensor. Das führt zu mehr Bildrauschen, insbesondere bei hoher ISO, und die wird ja benötigt in der Nacht um das Bild heller zu machen (bzw. die Belichtungszeit tiefer zu halten).

Finger weg vom Digitalzoom

Digitalzoom ist gegenüber dem optischen Zoom mit Verlust der Bildqualität verbunden, vergleichbar mit dem vergrösseren eines Fotos am Computer. Das Bild wird zwar grösser dargestellt, hat aber nicht so viele Pixel wie wenn es mit dem optischen Zoom gemacht worden wäre.

Oft lohnt es sich, ein paar Schritte in die richtige Richtung zu gehen, anstatt einfach bequem stehen zu bleiben und zu zoomen.

RAW-Format für maximale Qualität (für Fortgeschrittene)

Das RAW-Format speichert deutlich mehr Bildinformationen als JPG oder HEIF/HEIC *. Bei der Nachbearbeitung hast du so viel mehr Spielraum für Optimierungen bei Sättigung, Kontrast und Schärfe.

Beachte: RAW-Dateien benötigen erheblich mehr Speicherplatz und müssen nachbearbeitet werden – das direkte Kamerabild sieht meist flau aus. Darum sollte RAW nur eingesetzt werden, wenn sich das Motiv wirklich lohnt. Danach wieder auf HEIF/HEIC oder jpg umstellen.

Live-Fotos bei iPhone deaktivieren

Oft ist der Modus „Live-Fotos“ aktiviert, obwohl man sich das gar nicht bewusst ist (und ihn deshalb auch gar nicht braucht). Er verbraucht unnötig viel Speicherplatz und reduziert die Bildqualität. Schalte die Funktion nur bewusst ein, wenn du gezielt einen der Bewegungseffekte einfangen möchtest, z.B. um fliessendes Wasser in einem Strahl darzustellen, die Scheinwerfer von vorbeifahrenden Autos als Lichtspuren zu zeigen oder ähnliche Motive.

Lichtführung bei Portraits beachten

Stehe niemals direkt vor einer Lichtquelle – das Ergebnis wäre nur eine schwarze Silhouette. Positioniere dich stattdessen leicht seitlich, damit wenigstens eine Gesichtshälfte beleuchtet wird.

Kreative Lichtquellen für urbane Portraits:

  • Straßenlaternen (leicht dahinter, nicht genau darunter oder davor)
  • Digitale Werbedisplays
  • Schaufensterbeleuchtung
  • Velolichter oder die Taschenlampe eines zweiten Smartphones als Aufhelllicht fürs Gesicht

Geduld wird mit perfekten Fotos belohnt

Warte auf den richtigen Moment. Manchmal braucht es nur wenige Sekunden, bis das Licht optimal ist oder störende Personen aus dem Bildausschnitt verschwunden sind. Beobachte den Hintergrund, achte auf die Lichtstimmung – Geduld macht oft den Unterschied zwischen einem guten und einem herausragenden Foto.

*Die Dateiformate RAW, jpg und HEIF/HEIC

  • Das jpg-Format ist altbekannt und seit den Anfängen von digitalen Bildern im Einsatz. Darum ist es sehr verbreitet und praktisch mit allen Geräten kompatibel. Es speichert ein Foto bereits mit gewissen Bearbeitungen und vor allem Komprimierungen. Komprimieren heisst: Nicht benötigte Bildinformationen werden gelöscht.
  • Bei RAW-Bildern gibt es keine Komprimierung. Die Bildinformationen sind vollständig da und können in der Nachbearbeitung genutzt werden. Dafür braucht RAW ein Vielfaches an Speicherplatz.
  • Für die Handys wurde ein neues Format geschaffen: das HEIF/HEIC-Format. Es komprimiert die Bilder auch, aber besser als jpg. Dafür ist es noch nicht auf allen Geräten oder bei Bilduploads auf einer Website einsetzbar.

Was ist nun die „beste Einstellung“? Es kommt drauf an… Im normalen Alltag brauchst du nicht die vollen Bildinformationen von RAW. Schalte deshalb standardmässig auf HEIF/HEIC um (bzw. aktivere es in den Einstellungen). Falls es relevant ist, das Bild auf einem anderen Gerät zu verwenden oder auf einer Website hochzuladen: schalte um auf jpg. Und wenn du schwierige Lichtverhältnisse hast oder ein besonders schönes Motiv (z.B. in den Ferien), dann wechsle kurz auf RAW – und nachher wieder zurück.